Programmieren ist weniger als die Hälfte der Arbeit, auch mit KI
Auf Ihrem Tisch liegt ein Angebot für eine Software, die Ihr Büro entlasten soll. Eine Zeile trägt den Preis: Entwicklung, zwölf Tage. Darunter steht nichts mehr. Ich sage Ihnen, was in dieser einen Zeile fehlt, und warum ich mit fünf Anteilen rechne, obwohl mir die KI in jedem davon Arbeit abnimmt.
Woraus eine bestellte Software wirklich besteht
Wer Software bestellt, stellt sich meistens vor, dass jemand sie schreibt. Das stimmt, und es ist der kleinere Teil. Für mich war Software immer aus fünf Anteilen gemacht, und ich rechne jede Arbeitseinheit so.
Der erste ist der Bau, also das Programmieren selbst. Der zweite ist die Prüfung: Tut die Software das Vereinbarte, und zwar auch dann, wenn ein Feld leer bleibt, ein Datum in der Vergangenheit liegt oder zwei Leute gleichzeitig speichern. Der dritte ist das Management. Dahinter stecken Termine mit Ihrem Betrieb, Fragen, die geklärt werden müssen, bevor gebaut werden kann, und das Warten auf Zugänge, die jemand bei Ihnen oder bei Ihrem Softwarehersteller freischalten muss. Der vierte Anteil ist die Dokumentation, damit in zwei Jahren jemand versteht, warum eine Regel so gebaut ist, und damit Ihre Leute selbst eingreifen können, ohne mich anzurufen. Der fünfte ist die Auslieferung: Zugänge einrichten, die Automatisierung scharf schalten, die ersten echten Läufe beobachten, übergeben.
Ein Beispiel aus einem anderen Gewerbe macht es greifbar. Ein Installateur baut ein Bad um und hat die Rohre an einem Tag verlegt. Aufmaß, Abstimmung mit dem Elektriker, Druckprobe, Abnahme und die Unterlagen für die Hausverwaltung machen trotzdem den größeren Teil seiner Rechnung aus. Niemand käme auf die Idee, ihm nur den Tag mit den Rohren zu bezahlen. Das Muster kennen Sie aus Ihrer eigenen Branche, ob Sie Abrechnungen erstellen, Objekte verwalten oder Aufträge abwickeln. Bei Software passiert genau das, weil die anderen vier Anteile unsichtbar sind, solange sie funktionieren.
Warum der Bau weniger als die Hälfte ist
Wenn ich ein Vorhaben kalkuliere, bekommt jede Arbeitseinheit alle fünf Anteile, und zwar seit ich Software für andere baue. Rechnet man so, liegt der Bau in einem typischen Projekt für einen Betrieb ohne eigene IT-Abteilung aus meiner Erfahrung unter der Hälfte des Ganzen. Der Rest steckt in den vier Anteilen, die niemand sieht. Jede Entscheidung, die mehrere Leute tragen müssen, ist ein Termin. Jeder Zugang ist eine Person, die etwas freischaltet. Jede Automatisierung wird einmal scharf geschaltet und dabei beobachtet.
Im Angebot bekommen Sie von mir trotzdem keine fünf Zeilen. Diesen Detailgrad will ich weder schätzen noch Ihnen zumuten. Aber der Preis, der dort steht, enthält alle fünf Anteile. Ich halte das für ehrlicher, als sie im Bau zu verstecken oder wegzulassen. Denn weggelassen werden sie nicht. Sie werden entweder unbezahlt geleistet, dann hat der Anbieter ein Problem, oder gar nicht, dann haben Sie eines. Ich schreibe das hier auf, damit Sie wissen, was hinter einem Preis steht, und damit Sie fremde Angebote lesen können.
Was die KI beschleunigt, und was bleibt
Ich arbeite seit 2025 sehr intensiv mit KI-Assistenten, wenn ich Software baue. Kundenwebseiten, die heute produktiv laufen, sind so entstanden. Und die KI beschleunigt keineswegs nur das Programmieren. Sie hilft in allen fünf Anteilen. Was Sie mir im Gespräch erzählen, lässt sich mit ihr in Arbeitspakete und Prüfkriterien übersetzen. Sie schreibt Tests, die danach automatisch bei jeder Änderung laufen. Sie erzeugt die Dokumentation aus dem tatsächlichen Stand der Software, und weil das bei jeder Änderung neu geschehen kann, ist diese Dokumentation aktueller als jede, die ein Mensch einmal geschrieben und dann liegen gelassen hat. Auch das Einrichten und Scharfschalten lässt sich weitgehend vorbereiten. Der gesamte Ablauf ist damit wesentlich schneller geworden, und ich meine damit nicht ein paar Prozent.
Was bleibt, ist etwas anderes. Es bleibt die Steuerung: welcher Schritt wann kommt, mit welchen Vorgaben, mit welchem Werkzeug. Es bleibt das Gegenlesen jedes einzelnen Ergebnisses, beim Code genauso wie bei den Arbeitspaketen, die die KI aus Ihrem Gespräch gemacht hat, bei den Tests, die sie vorschlägt, bei der Wahl der Werkzeuge und bei jeder Architekturentscheidung. KI-geschriebener Code sieht fast immer richtig aus, und genau das ist das Problem: Ein offensichtlicher Fehler fällt auf. Ein Fehler in einer Logik, die plausibel aussieht, fällt erst auf, wenn jemand gezielt danach sucht. Und es bleiben die Termine mit Ihnen und Ihren Leuten, die vorbereitet, geführt und nachbearbeitet werden müssen.
Eine kontrollierte Studie der Universität Lund mit 151 Teilnehmern, veröffentlicht 2026, beschreibt den Effekt aus einer anderen Richtung. Wer mit KI-Assistent baute, war in der ersten Phase spürbar schneller fertig. Als danach andere Entwickler diesen Code weiterentwickeln mussten, war kein messbarer Vorteil mehr da, weder bei der Zeit noch bei der Qualität. Was die KI erzeugt, ist erst dann etwas wert, wenn jemand es geprüft und in den Zusammenhang eingeordnet hat. Genau diese Arbeit lässt sich nicht an sie zurückdelegieren.
Warum ich nicht einfach alles bauen lasse und ausliefere
Hier kommt der Punkt, den viele Anbieter lieber nicht erwähnen. Wer in Österreich Software als Werk liefert, steht dafür ein. Weicht sie von dem ab, was vereinbart war, muss er das in Ordnung bringen. Das steht nicht in meinen Vertragsbedingungen, das steht im Gesetz, und es gilt unabhängig davon, ob ein Mensch oder eine Maschine den Code geschrieben hat. Für Sie als Kunden ist das eine gute Nachricht. Für den Anbieter heißt es, dass er die Ergebnisse der KI nicht ungesehen weiterreichen kann.
Ich könnte technisch eine komplette Anwendung von der KI erzeugen lassen und Ihnen am selben Tag schicken. Was ich damit weitergäbe, wäre ein Ergebnis, für das ich einstehe, ohne es zu kennen. Als Unternehmer begibt man sich damit auf sehr dünnes Eis, und es wäre auch nicht die Qualität, die Sie erwarten dürfen. Das mache ich nicht, und ich rate Ihnen, bei jedem Anbieter genau danach zu fragen. Das Gegenlesen jedes Schritts ist der Preis dafür, dass die Zusage etwas wert ist.
Ja, das frisst einen Teil des Geschwindigkeitsvorteils wieder auf. Aus meiner Erfahrung ist genau das der Grund, warum das Ergebnis trägt, wenn Ihre Leute damit arbeiten und ich nicht mehr daneben sitze.
Was davon bei Ihnen ankommt
Für einen Auftraggeber mit über hundert Servern in einer sicherheitskritischen Umgebung habe ich ein System gebaut, das diese Server im Hintergrund einrichtet, prüft und aktualisiert. Wenn ich zurückrechne, war das Programmieren dort der kleinere Teil. Der größere war, Abläufe mit dem Betriebsteam abzustimmen, Prüfungen zu bauen für Fälle, in denen ein Fehler einen Ausfall bedeutet hätte, und das Wissen so festzuhalten, dass es nicht mehr an einzelnen Personen hängt. Ohne KI, über Jahre.
Ich bin überzeugt, dass ich heute in jedem dieser fünf Anteile deutlich schneller wäre. Geblieben wären die Termine mit dem Team und das Gegenlesen jeder Entscheidung. Genau diese Rechnung kommt bei Ihnen an: Individualsoftware, die für einen kleinen Betrieb lange unerschwinglich war, ist erreichbar geworden, weil alle Anteile günstiger wurden. Was bleibt, ist Kopfarbeit, nämlich steuern, prüfen, entscheiden und abstimmen. Sie ist aber auch der Teil, den Sie tatsächlich kaufen wollen, denn sie entscheidet, ob die Software in Ihrem Betrieb läuft oder in einem Ordner liegt.
Was Sie mit dem Angebot auf Ihrem Tisch tun sollten
Nehmen Sie die Zeile mit der Entwicklung und fragen Sie, ob die anderen vier Anteile im Preis enthalten sind. Was wird geprüft? Wer stimmt sich mit Ihrem Team ab, und ist die Zeit dafür eingeplant? Was bekommen Sie an Unterlagen, damit Sie in zwei Jahren nicht vom Anbieter abhängig sind? Wer schaltet scharf und schaut die ersten Tage zu?
Bekommen Sie darauf keine klare Antwort, ist das Angebot entweder zu billig oder unvollständig. Beides merken Sie erst nach der Rechnung. Ein Anbieter, der die fünf Anteile eingerechnet hat, wirkt auf dem Papier teurer. Am Ende ist er es aus meiner Sicht selten.
Wenn Sie so ein Angebot gerade vor sich haben und wissen wollen, welche Anteile darin fehlen, schicken Sie es mir. Eine halbe Stunde reicht für eine ehrliche Einschätzung.