Ihre Mitarbeiter dürfen selbst Software bauen, wenn das Fundament stimmt
Ein Werkzeug, das Anfragen erfasst, Preise rechnet und ein fertiges Angebot verschickt, entsteht heute an einem Nachmittag. Nicht durch einen Entwickler, sondern durch Ihre Büroleiterin, die der KI in normalen Sätzen beschreibt, was sie braucht. Das funktioniert wirklich, und genau das macht es so verführerisch. Nach etwa zwei Monaten funktioniert es dann nicht mehr, und niemand im Betrieb versteht, warum.
Nach sechzig Tagen kommt die Wand
Der Verlauf ist inzwischen gut dokumentiert und erschreckend gleichförmig. Am ersten Tag läuft alles, die Begeisterung ist echt. Nach dreißig Tagen zeigen sich die ersten Risse, meist bei Dingen, die selten passieren: eine Anfrage ohne Telefonnummer, ein Sonderfall bei der Rechnung. Nach sechzig Tagen kommt die Wand. Eine Änderung, die zwei Tage kosten sollte, kostet plötzlich zwei Wochen, und jede Korrektur macht drei andere Stellen kaputt. Nach neunzig Tagen gehen zwanzig bis dreißig Prozent der Arbeitszeit für die Suche nach Fehlern drauf, die vorher nicht da waren.
Das ist keine Vermutung. Eine Auswertung von 8,1 Millionen Änderungen an Software zeigt, dass die versteckten Altlasten in Projekten um dreißig bis einundvierzig Prozent zunehmen, sobald KI-Werkzeuge im Spiel sind. Die Arbeit verschwindet also nicht, sie verschiebt sich nur nach hinten. Sie zahlen im dritten Monat, was Sie im ersten gespart haben, und Sie zahlen es teurer.
Was mich an dieser Stelle stört, ist die Schlussfolgerung, die viele daraus ziehen. Sie lautet meist: Finger weg, das ist Spielzeug. Ich halte das für falsch, und ich halte es sogar für gefährlich. Anfang 2026 nutzten 87 Prozent der 500 größten Unternehmen der Welt mindestens ein solches Werkzeug. Die Großen bauen damit gerade Tempo auf. Wer seinen Leuten das grundsätzlich verbietet, verschenkt genau die Geschwindigkeit, die einen kleinen Betrieb gegenüber einem großen auszeichnen könnte.
Aus zehn Prozent Rabatt wurden unbemerkt zwölf
Bei einem Finanzdienstleister hatte ein Team auf diese Weise ein Kundenportal gebaut, und zwar ein gutes. Das Problem tauchte erst auf, als jemand eine Kleinigkeit ändern wollte. Die Rabattgrenzen des Unternehmens steckten nämlich mitten in der Bedienoberfläche, verstreut über viele Stellen. Bei jeder neuen Anweisung an die KI verrutschten sie ein wenig. Aus zehn Prozent Rabatt wurden zwölf, ohne dass jemand es merkte. Rechnen Sie das auf ein Jahr Umsatz hoch, dann haben Sie die Größenordnung.
Übertragen auf Ihren Betrieb: Ihre Kalkulation, Ihre Freigabegrenzen, Ihre Stundensätze, Ihre Regeln für Nachlässe. Das ist der Kern Ihres Geschäfts. Wenn dieses Wissen in der Oberfläche einer schnell gebauten Anwendung steckt, dann wandert es bei jeder Änderung mit, und Sie merken es erst am Monatsabschluss.
Genau hier verläuft die Trennlinie, und sie ist der Grund, warum das eine Modell zusammenbricht und das andere trägt.
Das Fundament bleibt, die Oberfläche darf sich ändern
Stellen Sie sich einen Rohbau vor. Fundament, Statik und Leitungen legt ein Fachmann, denn wenn die Statik nicht stimmt, hilft die schönste Küche nichts. Wände streichen, Möbel umstellen und Zimmer neu aufteilen können Sie danach selbst, so oft Sie wollen, ohne dass das Haus einstürzt.
Bei Software heißt das: Ihre Geschäftslogik und Ihre Daten liegen in einem stabilen Kern, den ein Profi einmal richtig baut. Dieser Kern bietet nach außen eine klar festgelegte Übergabestelle an, eine Art definierter Schalter, an dem andere Programme sich Daten holen und Vorgänge auslösen dürfen, aber eben nur die vorgesehenen. Ihre Kalkulationsregel liegt ab jetzt an genau einer Stelle. Sie kann nicht mehr aus Versehen verrutschen, weil niemand sie mehr anfasst, wenn er eine Oberfläche umbaut.
Darüber darf dann gebaut werden, und zwar schnell und von Ihren eigenen Leuten. Ihre Büroleiterin bekommt ihre Übersicht genau so, wie sie sie braucht. Ihr Meister bekommt eine Ansicht für die Baustelle, die auf dem Handy funktioniert. Wenn eine dieser Oberflächen nach einem halben Jahr nicht mehr passt, wird sie eben neu gebaut. Das ist dann ein Nachmittag, kein Projekt.
Ich habe vor einigen Jahren für eine Handelsgruppe genau so ein Fundament gebaut. Das Ergebnis: Deren eigenes Team hat darauf über zehn Jahre die Webseiten mehrerer Marken selbst gebaut und betreut, neue kamen dazu, alte wurden umgestellt. Am Fundament musste dafür nie jemand etwas ändern. Diese Erfahrung ist der Grund, warum ich beim Thema KI so entspannt bin: Das Prinzip ist nicht neu. Neu ist nur, wie schnell und von wem die Schicht darüber jetzt entstehen kann.
Leitplanken, die prüfen, während niemand hinschaut
Ein Fundament allein reicht nicht, sonst entsteht im Betrieb ein Wildwuchs an kleinen Werkzeugen auf privaten Laptops, von denen niemand weiß, wer sie benutzt und was passiert, wenn der Kollege kündigt. Was dann fehlt, sind automatische Prüfungen, die im Hintergrund mitlaufen. Jedes Mal, wenn jemand etwas Neues gebaut hat, wird es geprüft, bevor es echte Kundendaten sieht: Sind die Zugänge sauber, greift die Anmeldung, sind die Rechnungswege noch dieselben, ist irgendwo etwas offen, das offen nicht sein darf.
In einem mittelständischen Fertigungsbetrieb haben die Fachabteilungen begonnen, sich ihre eigenen kleinen Anwendungen zu bauen, statt weiter mit Excel-Listen zu arbeiten. Die IT hat das nicht verboten. Sie hat einen gesicherten Rahmen bereitgestellt, in dem jede Änderung automatisch geprüft und zentral betrieben wird. Der Wildwuchs wurde damit zum kontrollierten Vorteil.
Diese Art von Absicherung ist meine tägliche Arbeit, und zwar von beiden Seiten. Für eine sicherheitskritische Umgebung mit über hundert Servern habe ich ein System gebaut, das eigenständig nach Problemen sucht und sie meldet, bevor etwas ausfällt, etwa ein Zertifikat, das nächste Woche abläuft, oder eine Festplatte, die zuläuft. Dasselbe Prinzip nutze ich in meiner eigenen Entwicklung mit KI: Der Ablauf von der Anforderung bis zur Dokumentation läuft weitgehend automatisch, aber die Entscheidungen bleiben bei mir. Die Maschine liefert, der Mensch verantwortet. Anders würde ich es einem Kunden nicht anbieten.
Wo dieses Modell an seine Grenzen kommt
Ich wäre unehrlich, wenn ich es als Allheilmittel verkaufen würde. Drei Punkte gehören auf den Tisch.
Erstens braucht das Fundament Vorleistung. Es entsteht nicht an einem Nachmittag, und in den ersten Wochen sehen Sie weniger als bei einem schnellen Prototyp. Der Vorteil kommt ab Monat zwei, dafür bleibt er.
Zweitens taugt der Ansatz nicht für alles. Sobald es an das Zusammenspiel mehrerer Systeme geht, an Buchhaltung oder an Dinge, bei denen ein halb ausgeführter Vorgang echten Schaden anrichtet, gehört das in den Kern und nicht in die Oberfläche. Die KI optimiert immer die Stelle, die sie gerade sieht, nie das Ganze.
Drittens muss jemand die automatischen Prüfungen aufbauen und pflegen. Fehlen sie, dann tragen die Leitplanken irgendwann nicht mehr, und Sie stehen wieder bei Tag sechzig. Gartner erwartet bis 2028 einen Anstieg der Softwarefehler um 2.500 Prozent, getrieben genau von Mitarbeitern, die ohne solche Prüfungen bauen. Es gibt übrigens einen bekannten Fall, in dem ein KI-Werkzeug in einem Unternehmen selbstständig eine echte Datenbank gelöscht hat. Das war kein Zufall, da fehlte einfach die Leitplanke.
Was ich Ihnen konkret empfehle
Wenn in Ihrem Betrieb schon jemand mit KI kleine Werkzeuge baut, verbieten Sie es nicht. Sie verlieren damit eine der wenigen Möglichkeiten, schneller zu sein als größere Wettbewerber. Fragen Sie stattdessen eine einzige Sache: Wo liegen unsere Preise, Fristen und Freigaben, an einer klar benannten Stelle, oder verteilt in ein paar selbst gebauten Werkzeugen? Von dieser Antwort hängt ab, ob Sie in zwei Monaten Tempo haben oder Reparaturkosten.
Nehmen Sie sich dann den einen Vorgang vor, der Ihr Geld verdient, meist ist es der Weg von der Anfrage bis zur Rechnung. Der bekommt ein sauberes Fundament. Alles, was Ihre Leute darüber an Übersichten, Listen und Ansichten brauchen, dürfen sie danach selbst bauen, so oft sie wollen.
Wenn Sie wissen wollen, wie so ein Fundament in Ihrem Betrieb konkret aussehen würde und was es kostet, schreiben Sie mir. Ein Gespräch reicht meist, um zu sehen, ob sich der Aufwand für Sie rechnet.